Dialekte sind wichtig für die Sprachlandschaft eines Landes. Das steht außer Frage. Würden in Deutschland plötzlich alle nur noch Schriftdeutsch sprechen, ginge ein großer Teil der Identität und des Charakters vieler Gemeinschaften verloren. Doch obwohl die Deutschen mehrheitlich der Meinung sind, dass unsere Dialekte unbedingt erhalten werden sollten, benutzt sie ein immer geringeren Prozentsatz in der täglichen Kommunikation. Deshalb ist es wichtig, für Dialekte einzustehen und sie öffentlich zu vertreten.
Dazu gehört unter anderem auch, Deutsch-Lernenden beizubringen, dass neben dem Standarddeutschen, das im Unterricht gelehrt wird, alleine in Deutschland über zwanzig weitere Dialekte der deutschen Sprache existieren, die auch häufig regional noch aktiv genutzt werden.
Hierzu habe ich einen Artikel über das Bairische gefunden, der mich als Bayerin teils stutzen ließ. Es handelt sich hier um einen Artikel von perfekt-deutsch vom 18.02.2025, einem Blog der Sprachakademie und des Prüfungszentrums PERFEKT DEUTSCH in Dortmund. Ich werde im Folgenden anhand dieses Beispiels Formen von Standardsprachideologie (das Glaubenssystem, dass es eine Standardsprache gibt) und Erasure (das ideologische Aus- und Weglassen von Informationen) sowie die Fremdzuschreibung von Charaktereigenschaften der Bayer:innen durch die Nutzung ihres Dialektes aufweisen. Der erwähnte Blogbeitrag dient hierbei als Negativbeispiel, weswegen ich im Anschluss darauf einen Blogbeitrag der Online-Plattform Babbel vorlegen werde, der ein Positivbeispiel zur Bekanntmachung mit dem Bairischen dienen soll. Da ich aus Oberbayern komme und mit Oberbairisch als meiner Hauptsprachvariation aufgewachsen bin, werde ich in die Begründung meiner Argumente zusätzlich meine Erfahrung als Bayerin und bairisch sprechende Person einfließen lassen.
Schon zu Beginn leitet der Artikel mit der Aussage ein, dass Dialekte „nicht immer leicht zu verstehen” sind. Dabei wird von einem standardsprachideologischen Standpunkt ausgegangen. Da dieser Blog an Deutschlernende gerichtet ist, sind die betroffenen Personen zwar im Kurs hauptsächlich mit dem Standarddeutschen im Kontakt, es wird dabei jedoch davon ausgegangen, dass es jeder Person leichter fällt, das Standarddeutsche zu verstehen als den bairischen Dialekt. Es wird deswegen noch genauer darauf eingegangen, dass besonders die Menschen gemeint sind, „die nur Hochdeutsch gewohnt sind”. Auch diese Aussage ist schwierig, da der Begriff Hochdeutsch im ursprünglichen Sinne die sogenannten hochdeutschen Dialekte bezeichnet. Also jene, die höher über dem Meeresspiegel gesprochen werden, und grenzt sie damit geografisch vom küstennäheren Niederdeutschen ab. Heute gilt „Hochdeutsch" als umgangssprachlicher Begriff für das Deutsche, wie es nicht den Mundarten oder der Umgangssprache, sondern der allgemein verbindlichen deutschen Sprache entspricht (= Standardsprache). Allerdings trägt es eben auch diese zweite Bedeutung des Ober- und Mitteldeutschen. Deswegen sollte es in einem Kontext wie diesem, der einen Kontrast zwischen dem Standarddeutschen und Dialekten betonen will, vermieden werden.
Nach der Einleitung folgt im Artikel ein Abschnitt über „Die wichtigsten Unterschiede zwischen Bairisch und Hochdeutsch”. Allerdings wird hier nur auf gewisse Ausdrücke eingegangen, die sich im Dialekt unterscheiden, nicht jedoch auf die Gründe, grammatischen Regeln und Aussprachemuster, an die sich das Bairische hält.¹
So scheint sich außerdem der/die Verfasser:in des Artikels unsicher zu sein, ob sie sich bei der Schreibweise der bairischen Ausdrücke nun an eine lautnahe Verschriftlichung oder an eine an das Standarddeutsche angepasste Verschriftlichung hält. Dies wird deutlich an den Beispielen für bairische Begrüßungen und Höflichkeitsformen. Hier steht das „Grüß Gott” dem „Wia geht's Eich?” gegenüber. Würde man die Verschriftlichung des „Grüß Gott”, wie bei „Wie geht's Eich?”, der bairischen Aussprache anpassen, müsste es „Griaß God” geschrieben werden.
Zu den Höflichkeitsformen wird außerdem erwähnt, dass das Pronomen „Eich” anstelle von „Ihnen” verwendet wird. Das ist nicht wahr. Zwar wird im Bairischen häufig das „Du” angeboten und die Unterhaltung wird schnell persönlich, allerdings wird das „Sie”/„Ihnen” des Standarddeutschen zu „Eane”, bzw. „Eana”. In einer höflichen Situation, wie zum Beispiel in einer Unterhaltung mit einer Lehrer:in, fragt man daher „Wia geht's Eane/Eana?”. Das „Ihnen” wird also nicht einfach nur ausgetauscht.
Während bis hier hin bairische Begriffe standardisiert und wichtige Informationen einfachheitshalber weggelassen wurden, werden allerdings auch Begriffe als bairische Begriffe bezeichnet, die eigentlich in stärkerem Bezug zu Österreich stehen. So wird „Sahne” zwar an manchen Orten Bayerns auch als „Obers” bezeichnet, wie im Artikel aufgelistet, allerdings ist der Begriff „Erdapfel” für „Kartoffel” ein Begriff, den eher die Österreicher:innen mit ihrer Sprachvariation in Verbindung setzen, weniger jedoch die Bayer:innen. Im Artikel wurde sich in seinen Beispielen daher sehr auf die Sprachvariation eines dem/der Leser:in unbekannten Bereiches fixiert, allerdings wurde diese wichtige Informationsquelle nicht erwähnt und sogar für das gesamte Bairische verallgemeinert.
Auch ist der Artikel geprägt von Fremdzuschreibungen des Bairischen, die durch ihre Ausdrucksweisen festgelegt werden. Zum emotionalen Ausdruck heißt es zum Beispiel: „Im Bairischen wird oft eine direkte und emotionalere Sprache verwendet. Diese Ausdrucksweise spiegelt die offene und herzliche Mentalität der Region wider.”
Zwar ist diese Fremdzuschreibung in diesem Beitrag keineswegs negativ, sondern eher im Gegenteil, sehr positiv konnotiert, allerdings wirkt die Art und Weise der Charakterisierung dadurch fast manipulativ und erschafft so eine Vorstellung des Bairischen, die eventuell nicht einmal der Wahrheit entspricht. Denn zwar werden durch einen Dialekt und dessen Nutzung Persönlichkeit und Identität widergespiegelt, allerdings ist es immer noch vom Individuum abhängig und sollte nicht auf eine ganze Region erweitert werden.
Ein Beispiel für eine gelungene Umsetzung eines Blogbeitrags zur Annäherung Deutsch-Lernender ans Bairische ist der Artikel von Katrin Sperling für den Blog der Online-Sprachlernplattform Babbel. In diesem wird auf die Geschichte des Bairischen eingegangen, aber auch auf Unterschiede zum Standarddeutschen. Dabei wird allerdings die Komplexität des Dialekts betont, die durch die vielen Variationen verschiedener Regionen bedingt ist. Die Unterschiede zum Standarddeutschen werden in der historischen Entwicklung begründet und zum Schluss wird sogar geraten, sich dem Stereotyp, dass Dialekte „drollig, ungebildet und provinziell” seien, zu stellen und dem Erhalt von Dialekten beizutragen.
¹ Der Artikel hat zwar einen Abschnitt mit dem Namen „Aussprache und Grammatik: Besondere Merkmale des Bairischen”, allerdings werden hier je zwei willkürliche Unterschiede anhand eines Beispiels erwähnt. Die Gründe für diese bleiben allerdings unbenannt, und es gibt keine Nennung von Regeln, um diese Änderungen zu verallgemeinern und in anderen Situationen nutzen zu können.
² Das liegt unter anderem an dem Aufbau des Artikel, der sehr dem Aufbau eines allgemeinen KI-Texts ähnelt (zwei vergleichende Stichpunkte, die mit einem bis zwei Sätzen abgerundet werden), aber selbst diverse AI-Detektoren wie ZeroGPT oder QuillBot stimmen der Nachfrage zu. Als Begründung der 100% (von KI geschrieben) kommentiert QuillBot wie folgt: „Das Zuverlässigkeitslevel gibt an, wie sicher die KI sich über den erkannten Inhalt ist. Ein niedrigeres Zuverlässigkeitslevel bedeutet eine höhere Wahrscheinlichkeit von Fehlalarmen oder nicht erkannten Fällen.”
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