Samstag, 2. August 2025

Das Schwert und die Feder

Hallo liebe Menschen! Heute habe ich eine Kurzgeschichte für euch, die ich vor einem halben Jahr in einem kreativen-Schreiben-Seminar entwickelt habe. Nachdem ich lange mit Ideen herumgetüftelt hatte, bin ich zufällig auf die Kurzgeschichtensammlung Simetrías der argentinischen Autorin Luisa Valenzuela gestoßen. Das gesamte Buch kann ich jeder / jedem nur ans Herz legen, und eine davon, La Llave (Der Schlüssel), hat einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen und hat auch meine Kurzgeschichte inspiriert. Viel Spaß beim Lesen!

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Es war einmal ein König, der hatte eine Tochter… So fängt meine Geschichte an. So wird sie erzählt, ich werde besprochen, analysiert, verklagt, als Beispiel genommen — als schlechtes, natürlich — dargestellt, neu interpretiert. Ich bin hundert Versionen meiner selbst aus hunderten von Mündern. Dabei wird mir gerne eine schlechte Charaktereigenschaft hinterhergeworfen. Es sei eine Sünde, es gehöre sich nicht, eine feine Dame — nein, eine Königstochter — hat sich nicht so zu verhalten. Selbst schuld, sagen sie, wenn sie erfahren, dass ich im kleinen Häuschen auf Stroh schlafen muss, wo ich doch zwischen Federbetten aufgewachsen bin.

Aber sie verklagen mich zu Unrecht; genau diese Unsitte ist mein Schwert, ist meine Feder, ich lasse sie nicht los, so sehr ich auch verurteilt werde. Mein Kampf bleibt ungewürdigt, stattdessen wird er gelobt für seine Güte und Beharrlichkeit, dass er mich nach all dem zur Frau nehmen möchte und mich aus meiner Misere rettet. Beharrlichkeit, dass ich nicht lache!

Die Gebrüder Grimm — Gott sei ihrer Seele gnädig — benannten jene Eigenschaft als Laster und erzählten meine Geschichte zum ersten Mal.

Nun erzähle ich mich selbst.

Damals war das Leben hart und ich kaum erwachsen, da sollte ich mir schon einen Mann aussuchen. Im ganzen Lande sprach man von meiner Schönheit, und Freier aus aller Herren Länder kamen angereist, um um meine Hand anzuhalten. Dabei wurde ich doch nie gefragt, ob ich eine Heirat überhaupt wollte. So gerne hätte ich gelesen und wäre durch die Länder gereist, hätte gelernt und mich weitergebildet — doch meinem Herrn Vater hätte ich solche Träume nicht erzählen können. Eine junge Königstochter hat sich einen Mann zu wählen und Nachfolger zu bekommen, bevor ihre jugendliche Schönheit verrinnt und niemand sie mehr anschauen mag. Aber ich wollte nicht, und so lehnte ich sie alle einen nach dem anderen ab, suchte nach Begründungen, weshalb mir die Freier nicht taugten, bis mir die Ausreden ausgingen und ich aus Not auf Äußerlichkeiten zurückgreifen musste. Mein Herr Vater erzürnte und verdammte mich daraufhin, mich mit einem armen, fremden Spielmann zu verheiraten und mit ihm in einer kleinen Hütte zu leben.

Ja, sie verklagen mich alle wegen meiner sogenannten Sünde, obwohl sie mir doch stets beigestanden hat, auch jetzt, wo erneut um meine Hand angehalten wird, wo ich hier stehe, mit zersprungenen Töpfen und schmuddeligen Kleidern, und der König mit dem schief gewachsenen Kinn, nach dem ich ihn damals benannt habe, mich drängt, ihn zu heiraten. Ist es denn eine Sünde, wenn sie mich beschützt, mir meine Stimme kräftigt, obwohl mich die Scham zu Boden reißen versucht, zum Boden, wo die verschüttete Suppe und Essensbröcklein liegen?

Ich könnte ihn heiraten, so wie es in der Geschichte passiert ist, und somit den Kreis, wie so viele andere vor und nach mir, schließen. „Und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende“ würde dann der letzte Satz meiner Geschichte heißen, und meine Charaktereigenschaft würde mir fortan als Sünde nachgerufen werden, wenn auch letztendlich beschwichtigend: Ich habe zwar gefrevelt, doch am Ende aus meinen Fehlern gelernt. Oder ich weigere mich abermals, bediene mich meiner sogenannten Untugend erneut und akzeptiere die Konsequenz, in einer kleinen Hütte als arme Frau zu leben und irdenes Geschirr auf dem Markt zu verkaufen.

„Das alles ist geschehen, um deinen stolzen Sinn zu beugen und dich für deinen Hochmut zu strafen, womit du mich verspottet hast.“

Mich für meinen Hochmut zu strafen!, wiederhole ich empört, und meine Empörung zieht sich über Jahrhunderte hin, bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts, wo ich meine Geschichte selbst schreibe. Fragt denn niemand, nicht der König, nicht mein Herr Vater und nicht die Leser:innen, ob ich denn auch heiraten will? Ob ich ihn denn auch heiraten will, einen Mann, der mir so viel Leid antat, nur um mir eine Morallektion zu erteilen? Der sich als armen Spielmann ausgab, mit dem ich ungewollt den harten Alltag bestreiten sollte. Der sich als Husar verkleidete und mir die irdenen Töpferwaren entzweiritt, der mich als Küchenmagd in seinem eigenen Schloss ach so gutherzig annahm, damit ich nicht verhungere. Und diesen Mann soll ich nun dankend heiraten?

An dieser Stelle wird viel diskutiert. Ich sei zu nichts zu gebrauchen, ich kann keine Körbe flechten und kein Feuer machen, ich kann nicht spinnen oder kochen. Ich soll glücklich sein, mich geehrt fühlen, dass mich der König trotz meines Spottes und Hochmuts zur Frau haben will. Ich solle mich fügen, ihm dankbar ergeben sein und aus meinen sündhaften Fehlern lernen. Er ist ein reicher König, ihm gehört der Wald, die Wiese, die Stadt, und dies alles könne meins sein, wenn ich doch nur meinen Stolz als Untugend annehme, meinen Stolz, der mich doch stets auf den Beinen hält.

Und wenn schon, sage ich, wie kann von mir erwartet werden, zu kochen und weben und putzen, wenn mir niemand diese Künste beibrachte? Wie soll ich Suppe herbeizaubern können, wenn sie mir mein Leben lang auf silbernen Tabletten serviert wurde? Wie können sie es nur wagen, mir meine Unfähigkeit vorzuwerfen, wo sie mir doch schon als kleines Kind in die Wiege gelegt wurde?

Dass jener gütige, reiche König selbst diese Fähigkeiten nicht beherrscht, wird nie thematisiert.

Manche Lesende verstehen es noch immer nicht, nach Jahrhunderten von meiner Geschichte. Aber wie groß ist denn die Stadt, fragen sie, wie schön ist denn die Wiese, wie dicht der Wald, wie viele Kleider würden deine sein, und ich antworte, als wüsste ich nicht, worauf sie hinauswollen, und sie sagen wer braucht schon Ehre oder Stolz, wenn man all das und mehr haben kann. Doch ich lasse sie nicht weiter ausreden; sie werden sich diese Frage bald selbst beantworten können.

Ich stehe nun hier, im hochzeitlich hergerichteten Festsaal, der, wie ich nun weiß, für mich und den König Drosselbart bestimmt ist, eine Hochzeitsfeier, in die alle, nur die Braut nicht, eingeweiht wurden. Hier, inmitten des Festschmauses und der edlen Gäste, die mich kichernd und erwartungsvoll anstarren. König Drosselbart, der mich an der Hand fest gepackt ebenfalls begierig anguckt, als würde das von ihm ersehnte „Ja!“ schon auf meinen Lippen tanzen, bereit, sich in der dicken Luft selbstständig zu machen. Ein Leben, in dem ich nicht einen Finger rühren muss, meine zarte Haut unbeschädigt und rein bleibt, in der mein goldenes Haar jede Nacht auf Federkissen liegt, an der Seite meines Gatten, der sich mich meiner Schönheit und Demut wegen ausgesucht hat. Ein Leben mit aller Herzenswünsche in meiner Reichweite, so wie ich es aus meiner Kindheit kenne, ein Leben mit gebeugtem Kopf, ein Leben ohne Stolz.

Ich denke an all die Leser:innen, die meine Geschichte jahrhundertelang gelesen und erzählt bekommen haben. Ich denke an meinen Stolz, mein Schwert und meine Feder, mit der ich meine Geschichte selbst dirigiere.

Und ich fange an zu schreiben:

Es waren einmal die Gebrüder Grimm, und wenn sie das lesen könnten, so würden sie


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Ein Beitrag von Daphne Glinzig


4 Kommentare:

  1. wow, richtig schön geschrieben, und der Plot geht echt in die Tiefe... ich glaube, ich muss das zwei- oder dreimal lesen, um alle Nuancen zu verstehen, so viel steckt da drin. ¡Sin palabras! :)

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    1. uuiii heheh daaankii das freut mich sehr zu hören!! jaa stimmt, es ist ein sehr vielschichtiger Text :D muchaa' graacia'!!

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1.4. Halluzinationen und Bullshit

  Dieser Eintrag ist Teil eines Portfolioprojekts namens Mensch, Maschine und Sprache. Wenn ihr mehr darüber wissen wollt, schaut mal rechts...