Laut dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) wurden 2024 insgesamt 250.945 Asylanträge in Deutschland gestellt, 229.751 davon Erstanträge. Das bildet im Vergleich zum Vorjahr einen Rückgang von 30,2% (anders als einige Medien und Politiker:innen es gerne darstellen wollen würden). Die Gründe für eine Asylantragstellung sind vielfältig, der Antrags- und Entscheidungsprozess teils langwierig. Obwohl die Asylbewerbenden nicht nach Nationalität in die Bundesländer eingeteilt werden, werden 80% der Asylanträge von Kolumbianer:innen in Nieder-sachsen bearbeitet, unter anderem der von Jakob* (Name geändert). Trotz dessen wird weder in den bürokratischen Prozessen in Niedersachsen noch in den anderen Bundesländern auf die sprachlichen Fähigkeiten und Bedürfnisse der Asylbewerbenden eingegangen. Anhand der Erfahrung von Jakob möchte ich im Folgenden erläutern, wie Machtverhältnisse, Dynamiken und Hindernisse durch Institutionen wie dem BAMF oder den Ausländerbehörden kreiert werden und wie sich diese auf die Menschen auswirken.
Die
Bürokratie in Deutschland ist auch außerhalb der Welt der Asylprozesse
berüchtigt. Komplizierte und langsame Verfahren, fehlende Digitalisierung,
unhöfliche oder diskriminierende Sachbearbeitende, Ämter mit merkwürdigen
Öffnungszeiten… Die Liste ist lang, und alle in Deutschland lebenden Personen
müssen sich früher oder später damit herumschlagen. Ein zentrales Element bzw.
Problem, das ich mir genauer angucken möchte, ist die Sprache und Fachsprache,
die bei der Kommunikation benutzt wird. Selbst als Deutsch-Muttersprachler:in
stutzt man über manch einen Brief oder Anruf, in dem einem die Fachbegriffe an
den Kopf geschmettert werden; und das mit einer Selbstverständlichkeit, die erschreckend
ist. Hier wird das erste asymmetrische Machtverhältnis sichtbar: Die
Fachpersonen in Institutionen (z.B. Ämtern) kommunizieren in einer Fachsprache,
die der Otto Normalverbraucher kaum versteht. Wenn man Glück hat, kennt man eine Person, die genug Erfahrung im Dschungel der
bürokratischen Angelegenheiten gesammelt hat (das nennt Pierre Bourdieu auch
kulturelles Kapital). Die kann dann den
Fachjargon übersetzen und Hilfe leisten. Ansonsten gilt: learning by doing,
trial and error. Doch das Machtgefälle kann sich auch anders zeigen.
Menschen, die Deutsch fließend sprechen und dazu noch die Fachsprache der Ämter
verstehen, Menschen, die sich mit Prestige ausdrücken können, werden allzu
häufig bevorzugt behandelt. Dass Menschen, die Deutsch nicht fließend sprechen oder die Fachsprache nicht
beherrschen benachteiligt und sogar diskriminiert werden, liegt auf der Hand
und wundert kaum. Es ist also nicht nur eine Frage der Sprache, sondern auch
des Bildungshintergrunds und sozialen Milieus jeder Person.
Bevor
wir uns nun dem konkreten Beispiel von Jakob zuwenden, möchte ich noch einen Fakt
erwähnen. In Deutschland ist die nationale Amtssprache Deutsch, daneben sind fünf weitere Minderheitensprachen anerkannt: Dänisch, Friesisch, Sorbisch, Niederdeutsch
(Plattdeutsch) und Romanes. Und
wie wir wissen, gibt es noch viele andere Sprachen, die in Deutschland
gesprochen werden: Türkisch, Arabisch, Englisch, Polnisch, Rumänisch… Also ja,
„in Deutschland spricht man Deutsch“ — aber eben auch ganz viele andere
Sprachen. Trotzdem bleiben diese Sprachgemeinschaften im Bürokratiewesen
größtenteils unsichtbar, man hört viele „Anekdoten“, in denen Fachangestellte
genervt sind, wenn sie gefragt werden, ob sie auch Englisch sprechen. Dass
wichtige Briefe, Dokumente o.Ä. auch bei Bedarf auf anderen Sprachen
ausgestellt werden, ist in Deutschland kaum vorstellbar. Diese Einsprachigkeit in
Institutionen (das können auch Bildungs- und Gesundheitswesen sein) nennt man in
der Soziolinguistik „monolingualen Habitus“, also dass Deutsch die (einzige)
Standardsprache für offizielle Kommunikation ist. Es ist zwar nicht
auszuschließen, dass es auch Behörden gibt, die andere Sprachen oder
Dolmetscher-Services anbieten, aber Mehrsprachigkeit innerhalb der Behörden ist
und bleibt ein Sonderfall. Wann habt ihr das letzte Mal einen Brief vom
Finanzamt bekommen, der nicht ausschließlich auf Deutsch war?
Hier
eine kleine Rechenaufgabe für euch: Addiert mal diese institutionelle
Einsprachigkeit, den Fachjargon und die Menschen, die erst vor Kurzem nach
Deutschland gekommen sind und kein Deutsch sprechen. Was ergibt das? Die harte
Lebensrealität von vielen Asylbewerbenden. Sie werden in einen bürokratischen
Prozess geworfen, ohne die Sprache zu verstehen oder die Systeme und Ämter in
Deutschland zu kennen. Dadurch fühlen sie sich komplett fremd, sie wissen
nicht, was sie nicht wissen (auch ein Machtgefälle!). Unterstützung gibt es
kaum. Nachdem ich Jakobs Fall aus erster Nähe kennenlernte, war ich, eine
weiße, deutsche, Deutsch-Muttersprachlerin, schockiert und entrüstet. Jakob
zeigte mir die Dokumente und Briefe seines Asylprozesseses: alles auf Deutsch,
obwohl er nur Spanisch und ein wenig Englisch sprach (beim Erstantrag eines
Asylprozesses wird das sprachliche Repertoire der Person festgehalten, die
Behörden wissen also Bescheid). Nur sein „Willkommen in Stadt X,
Deutschland“-Heft ist auf Deutsch und Englisch geschrieben. Da fragt sich eine
rational denkende Person doch „Wer ist denn auf die Idee gekommen, mit Asylbewerbenden
in sämtlichen Kommunikationsmedien nur auf Deutsch zu sprechen, und dazu
noch mit Rechts- und Behördenfachwörtern?!“
Zum
Lesen seiner Dokumente benutzte er Google Übersetzer. Und auch hier gibt
es wieder ein asymmetrisches Machtverhältnis: Wie wendet er sich bei Bedarf an
die Behörden, wenn er weder Deutsch spricht noch das System seines Prozesses
gut versteht? Google Übersetzer ist kein Allheilmittel. Zwar bekommt
jede:r Asylbewerber:in eine:n Sozialarbeitenden, der oder die theoretisch für
solche Fälle Hilfe leisten sollte. Doch die Realität sieht anders aus. Die
Sozialarbeitenden sind überfordert, haben zu viele zugewiesene Personen, ein
persönliches Verhältnis wird kaum aufgebaut, die meisten Asylbewerbenden haben
ihre Sozialarbeitenden ein- bis zweimal gesehen, manchmal gar nicht. Da kommt
hinzu, dass die Sozialarbeitenden nicht auf die Sprachen der Personen
spezialisiert sind; der Sozialarbeiter von Jakob sprach nur Deutsch und
Englisch. Unter anderem deswegen vertrauen viele Asylbewerbenden ihren
Sozialarbeiter:innen nicht; wie denn auch, wenn sie nicht richtig miteinander
sprechen können?
An dieser
Stelle möchte ich auf die am Anfang erwähnte Statistik aufmerksam machen, dass
80% der kolumbianischen Asylbewerber:innen ihren Prozess in Niedersachsen
beginnen und damit auch in Niedersachsen in Gemeinschaftsunterkünften mit Menschen
aus anderen Ländern leben. Man könnte meinen, dass sich die Behörden an diesen
Fakt anpassen und beispielsweise Sozialarbeiter:innen mit Spanischkenntnissen
einteilen, oder eine spanische Übersetzung der Briefe und Dokumente beifügen.
Doch offensichtlich sollen diese steilen Hierarchien und Machtgefälle, die
nicht zuletzt ausgrenzen und diskriminieren, aufrechterhalten werden. Alles im
Namen der Nationalsprache und Integration.
Jakob
und die Mitbewohner in seiner Unterkunft helfen sich gegenseitig, so gut es
geht: Die, die schon länger im Prozess sind, teilen ihre gesammelte Weisheit
den Neueren. In der Unterkunft arbeitet ein
„Hausmeister“, der wie eine Art Aufpasser und Mittler zwischen Bewohnern und
Behörden ist. Er spricht Deutsch, Englisch und Arabisch. Alle, die nicht in
dieses Sprachrepertoire reinpassen, müssen sich mit vereinfachtem Englisch oder
Deutsch, Gestik und zur Not Google Übersetzer zufriedengeben. Doch auch
mit ihm besteht keine Beziehung auf innigem Vertrauen. Für die Bewohner ist er
die Verkörperung des BAMF, die bei dem kleinsten Fehlschreiten mit dem Beenden
des Asylprozesses und der daraus folgenden Abschiebung drohen. Auch hier sehen
wir also Machtgefälle, wenn auch nicht ausschließlich auf sprachlicher Ebene.
Im Laufe seines Asylprozesses habe ich Jakob noch ein paar Mal bei Angelegenheiten geholfen, sei es zum Übersetzen oder zum Erklären, wobei auch ich oft ratlos dastand. Obwohl wir als Gesellschaft uns daran gewöhnt haben, uns diese Fälle von erschwerter Kommunikation als kleine Anekdoten zu erzählen, den Kopf zu schütteln und das Thema zu wechseln, sollten wir diese institutionelle Einsprachigkeit nicht banalisieren. Sie ist und bleibt systemische Diskriminierung und Benachteiligung. Solange Behörden, Ämter usw. die mehrsprachige Realität in Deutschland nicht anerkennen, werden Menschenleben davon weiterhin negativ beeinflusst.
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