Hallo liebe Menschen!
Eine der zentralen Messages, die ich bisher aus meinem Studium mitgenommen habe, ist, dass es in der Sprachwissenschaft erstmal gar nicht so sehr darum geht, ob es etwas richtig oder falsch ist. Vielmehr wird sich in der Linguistik damit beschäftigt, wie sich Sprache verändert, wie sie reglementiert wird, welche Annahmen Sprecher:innen über Sprache(n) haben. Gerade in der Soziolinguistik wird deshalb viel hinterfragt – und Diskurse darüber, wie Menschen zu sprechen haben, werden in diesem Rahmen genauso unter die Lupe genommen wie zum Beispiel die Tatsache, dass der Nutzen von dem Genitiv im Deutschen immer weiter zurückgeht – und dass sich sehr viele darüber ziemlich aufregen. Die Sprachwissenschaft ist zum Großteil deskriptiv, also beschreibend – die Anzahl der Linguist:innen, die lautstark den Niedergang der schönen deutschen Sprache beklagen, dürfte sich daher naturgemäß in Grenzen halten. Und nein: Auch wenn die Generationen Z und Alpha eins mit ihren überdimensionierten Handybildschirmen werden und nur noch in für ältere unverständlichen Anglizismen und Memes kommunizieren (irony off), wird die deutsche Sprache nicht aussterben. Denn sie verändert sich – wie auch alle anderen natürlichen Sprachen – ganz naturgemäß im Laufe der Zeit. Aber was ist das denn eigentlich, die deutsche Sprache? Und was ist sie nicht?
Es soll in diesem Beitrag um die Frage der Grenzziehung gehen – und um die Frage nach richtig und falsch: Wie nennen wir diese gelbe Masse aus pürierten Kartoffeln? Ich wäre für Kartoffelbrei, meine Großmutter hätte wohl Stopfer g’sackt – Verzeihung, gesagt. War das gerade noch Deutsch?
Die gewöhnliche Antwort darauf wäre wohl: Naja, so halb. Deutsch ja, Hochdeutsch nein. Dialekt halt. Unabhängig davon, woher der Name Hochdeutsch für die Standardvariante des Deutschen eigentlich kommt, suggeriert er aber doch eine gewisse Hierarchie – der Standard ist die „hohe“ Variante des Deutschen, die „entwickelte“, die „erhabene“, „elegante“ – die „überlegene“?
Wie auch in einem anderen Beitrag in diesem Blog, den Kat geschrieben hat, geht es hier um Dialekte, und zwar auf Basis des folgenden
Zeitungsartikels:
„Warum
Leute dafür bezahlen, Hochdeutsch zu lernen“
Christine
Luz, Badische Zeitung, 04.06.2016
https://www.badische-zeitung.de/warum-leute-dafuer-bezahlen-hochdeutsch-zu-lernen
Der Text ist zwar schon etwas älter, aber diskursiv hat sich
auf breiter gesellschaftlicher Ebene seitdem nicht allzu viel verändert.
Dialekte des Deutschen haben vielerorts noch immer ein Imageproblem. Für Ariane
Willikonsky ist das eine Einnahmequelle: Ganz im Sinne der Kommodifizierung (Vermarktung)
von Sprache unterrichtet sie in einer baden-württembergischen Kleinstadt
Hochdeutsch. Sprache wird zur Ware – nicht nur hängt der ihr zugestandene Wert
davon ab, welche es ist und für welche Situation sie benötigt wird (Schwäbisch
bei einem Telefonat mit Freund:innen oder bei einer Dankesrede während der Vorstandsitzung?),
mit ihr wird auch Geld verdient. Nach der marktwirtschaftlichen Logik von
Angebot und Nachfrage besteht also die Nachfrage, Standarddeutsch zu lernen.
Laut Shin (2016; zitiert in Busch 2021: Mehrsprachigkeit, S. 139) ist die Sprachlernindustrie
Nutznießerin „von neoliberalen Ideologien der Selbstoptimierung, [die sie]
zugleich befördert“. Hochdeutsch zu sprechen, wird also ein persönliches Ziel.
Allerdings nicht ausschließlich persönlich, oder zumindest nicht ausschließlich
aus eigenem Antrieb: Das Thema ist schambehaftet, fast immer führten, so die
Autorin, „berufliche Gründe“ dazu, dass Menschen bei Ariane Willikonsky
Unterricht nähmen. Es seien „Menschen, die Angst haben inkompetent zu wirken,
weil sie schwäbeln“.
Schon der Titel des Kurses, „Dialektfrei Deutsch sprechen“,
zeigt das asymmetrische Verhältnis zwischen der Standardvariante des Deutschen
und den deutschen Dialekten, das auch hier bis zu einem gewissen Punkt
reproduziert wird. Oft wird über Dialekte gesprochen, als seien sie seltsame, in
der Zeit stehengebliebene Weiterentwicklungen des Standarddeutschen – dabei ist,
wenn überhaupt, das Gegenteil der Fall, denn selbst in Hannover, das ja zumeist
als Zentrum des Hochdeutschen gesehen wird, wird kein „reines“ Standarddeutsch
gesprochen. Der Kurstitel klingt, als gäbe es „Deutsch“ an sich, und der
„Dialekt“ wäre eine Art natürlich vorkommendes Unkraut, das dem Gemüsebeet, in
dem es wächst, zwar mehr Charakter verleiht, aber irgendwie doch nicht so schön
ist wie der extra angepflanzte Sellerie, dem er das Sonnenlicht streitig macht:
Standarddeutsch ist das Ideal, und das Jäten des Dialektunkrauts ist der unausweichliche
Weg dorthin. Dazu passt auch die Beschreibung des Kurses vonseiten der Autorin:
Willikonsky „kuriere“ in nur zehn Unterrichtsstunden „unerwünschte Mundartauswüchse“.
Etwas weiter unten im Text wird sie in Bezug auf den Dialekt ihres Mannes später
sagen, bei ihm „scheiter[te]n alle Therapieversuche“. Stilistisch betrachtet sind
solche Sätze zweifelsohne kreativ formuliert, aber Dialekte mit Krankheiten
gleichzusetzen, ist schon ein sehr unglückliches Framing und hat mit der
Realität nun wirklich nicht viel zu tun. Es zeigt aber, wie Dialekte in weiten
Teilen der Gesellschaft noch immer gesehen werden.
Auch im Rest des Textes, in dem Ariane Willikonsky genauer
vorgestellt wird und ein paar ihrer Stunden begleitet werden, tauchen immer
wieder Formulierungen und Annahmen zur Standardsprache sowie zu Dialekten auf,
die eine genauere Betrachtung verdienen – geäußert sowohl von ihr selbst als
auch von der Autorin des Artikels.
Schon zu Beginn konstatiert diese, Hochdeutsch zu lernen sei
in Baden-Württemberg gar nicht einfach, könne man dort doch „angeblich alles –
außer Hochdeutsch“. Sie nimmt hier auf ein Klischee Bezug, das den Unterschied
zwischen den Dialekten in der Region dem Standarddeutschen aufzeigen soll. Der
Tenor: Unsere Sprache unterscheidet sich so stark vom Standard, dass es für uns
unmöglich ist, ebendiesen Standard zu sprechen. Der Dialekt (welcher denn
eigentlich genau?) gilt dann als Identifikationsmerkmal und wird positiv
umgedeutet, wie wenn sich etwa Studierende der Geisteswissenschaften in der
Gruppe darüber austauschen, wie schlecht sie damals in der Schule in Mathe
waren: Gemeinsamkeit schafft Identität. Dazu passt, dass die Autorin des
Artikels selbst immer wieder bewusst schwäbische (?) Wörter verwendet. Auch das
signalisiert Zugehörigkeit, vielleicht auch Sympathie dem Dialekt gegenüber.
Vor allem aber grenzt es ab. Manche dieser Wörter muss ich mir als
Nicht-Baden-Württemberger mühsam ergoogeln. Auch hier dient Sprache als
Identifikationsmerkmal, grenzt aber wesentlich schärfer ab. Bin ich als
Nicht-Dialektsprecher dann überhaupt Teil des Zielpublikums? Wahrscheinlich
schon, andererseits wäre der Artikel vielleicht vollständig auf Schwäbisch
verfasst worden. Vor allem aber wäre die Alternative ja, ihn ausschließlich auf
Standarddeutsch zu veröffentlichen – was den regionalen Dialekt besonders in
der Schriftsprache noch weiter zurückdrängen würde. Trotzdem zeigt es: Wir sind
anders, und du bist nicht automatisch Teil dieser Gruppe, nur weil der Text zum
Großteil auf Standarddeutsch verfasst ist. Dass eine regionale Zeitung auf
diese Weise versucht, die Balance aus Zugänglichkeit und Zugehörigkeit zu
wahren, ist also vielleicht ein ganz guter Mittelweg.
Die Sprachtrainerin spricht auch über Uhrzeiten: „Wir treffen
uns um Viertel drei, das versteht in Hamburg kein Mensch“. Ehrlicherweise habe
ich auch bis ins hohe Teenageralter gebraucht, um zu verstehen, dass damit das
gemeint ist, was ich als Viertel nach zwei kenne. Zum einen gibt es aber
sicherlich auch in Hamburg Menschen, die diese Art der Uhrzeitangabe zumindest
verstehen (deren Existenz wird so erased, vgl. Irvine & Gal 2000), zum anderen wird an dieser Stelle deutlich, dass sich im Rahmen der
Standardisierung nicht alle an neue Regeln anpassen müssen – das
Standarddeutsch ist eher an die nord- als an die süddeutschen Dialekte
angelehnt (wobei auch diese Klassifikation natürlich eher dürftig ist).
Interessant sind ebenfalls die Assoziationen, die sie zu
bestimmten Dialekten und Mundarten hat: Dem Schwäbischen fehle des Klanges
wegen der „Brustton der Überzeugung“, Bayer:innen strahlten Selbstbewusstsein
aus und der Singsang des Badischen mache ihre Sprecher:innen empathischer. Ob
sie wohl auch die klischeehafte Unfreundlichkeit der Berliner:innen auf
klangliche und lautliche Eigenheiten der Berliner Mundart zurückführen würde?
Zumindest wird an dieser Stelle eine sogenannte Ikonisierung (Irvine & Gal 2000) bestimmter Aspekte der Dialekte
deutlich: Bestimmte sprachliche Merkmale (das kann alles von bestimmten
Intonationsmustern bis hin zur Aussprache des -ch am Wortende sein) oder
vielmehr deren Wahrnehmung werden zu Persönlichkeitsmerkmalen der
Sprecher:innen umgedeutet.
Noch eine fragwürdige Annahme über das Hochdeutsche kommt von
der Autorin des Textes, als eine Stelle beschrieben wird, in der es um
Lautmalerei geht: Einer der Vorzüge des Hochdeutschen sei, dass es gut Inhalte
transportiere. Worauf genau sie sich damit bezieht, bleibt unklar, aber am Ende
geht es in der Sprache ja immer um Kommunikation, darum, sich verständlich zu
machen, um Information, und ja, eben um das Transportieren von Inhalten. Es
gibt keinen Grund, anzunehmen, dass das auf Standarddeutsch besser möglich wäre
als auf Plattdüütsch, Hessisch, Schwäbisch oder Schwyzerdüütsch. Warum auch? Am
Ende sind es die Sprecher:innen, die die Sprache machen, nicht der Duden,
Schriftsteller:innen, Lehrer:innen oder Vereine. Wenn etwas zu kompliziert ist,
finden sie eine Abkürzung, ohne dass jemand das offiziell verfügen müsste. Guy
Deutscher nennt das das Prinzip der Ökonomie (nachzulesen in "Du Jane, ich Goethe", 2013). Wenn jemand die Sprache
oder den Dialekt, die das Gegenüber spricht, nicht versteht, ist das an sich
kein Problem oder Defizit der Sprache.
Apropos (vermeintliches) Defizit: Was die Dialekte des
Deutschen zum Großteil vom Standarddeutschen unterscheidet, ist nicht zuletzt
die fehlende Standardisierung. Das Fränkisch aus Bayreuth klingt nicht wie das
aus Nürnberg – was wäre der fränkische Standard? Wie genau würde man bestimmte
Wörter schreiben? Laut der Autorin unseres Artikels folgt der Dialekt, in
diesem Fall Schwäbisch, „keinen festen Regeln“ und ist deshalb per se unmöglich
zu lernen. Das unterstreicht zwar wieder einen Anspruch auf Exklusivität, ist aber
inhaltlich eine gewagte Aussage, denn nur weil eine Sprache keine Standardisierung
erfahren hat, macht sie das nicht unerlernbar. Die Lernmethoden sind vielleicht
andere als beim Standarddeutschen, wo man ein Schulbuch mit normierter
Rechtschreibung aufschlagen könnte. Aber durch Zuhören lernen kann man immer,
und auch vom Standard abweichende Grammatikregeln sind immer noch Regeln –
selbst, wenn sie nirgendwo aufgeschrieben wurden. Das gilt genauso für die
Aussprache; mag sie auch regional unterschiedlich sein, verändert sich doch nicht
wie in einem obskuren Verschlüsselungssystem alle zwei Tage, um Lernwilligen
den Zugang zu ihr zu verwehren. All das macht Dialekte genauso erlernbar wie Sprachen;
nicht zuletzt, weil die Unterscheidung zwischen diesen beiden Kategorien rein
politisch ist und mit sprachwissenschaftlichen Kriterien, sprachverwandtschaftlichen
Beziehung etc., sehr wenig zu tun hat.
Zumindest zum Ende des Artikels wird deutlich, dass die Sprachtrainerin den Dialekt an sich sehr gerne mag. Damit sei man „näher dran am Menschen“. Gerade dadurch, dass Dialekte oft nicht normiert sind, kommen sie bei offiziellen Anlässen weniger zum Einsatz – da überrascht die informelle Konnotation wenig. Die Autorin fügt hinzu, Hochdeutsch klinge sachlicher und schaffe daher Distanz – hier ist unübersehbar, dass diese Konnotationen nicht den Varianten selbst geschuldet sind – sondern dem, was Menschen damit verbinden. Dies spiegelt sich auch im Prestige der sprachlichen Varianten wider: Auf dem linguistic marketplace, dem sprachlichen Markt (Bourdieu 1990; zitiert in Busch 2021: Mehrsprachigkeit), sind unterschiedliche Sprachen unterschiedlich viel wert. Mehrsprachigkeit wird, je nachdem, um welche Sprachen es geht, als Bereicherung oder als Hindernis gesehen. Und wenige kämen wohl auf die Idee, sich als zweisprachig zu bezeichnen, wenn sie mit Schwäbisch aufgewachsen sind und ab der Grundschule Hochdeutsch gelernt haben. Nach Bourdieu ist „jedes Sprechen […] ausgerichtet auf zu erwartende Rezeptionsverhältnisse, mögliche Belohnungen oder Sanktionen auf dem jeweiligen Markt“ (Busch 2021: Mehrsprachigkeit, S.140). Solange Dialekte also als ungebildet oder unprofessionell wahrgenommen werden, werden Ariane Willikonskys Kurse zum „dialektfreien“ Deutschsprechen wohl weiter gut besucht sein.
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