Was mich schon immer fasziniert hat und was ich sowohl in der Sprachwissenschaft als auch in der Literaturwissenschaft gerne erforsche, ist das Spielen mit Sprache. Oft werden beiden Disziplinen hinterhergerufen, dass sie trocken, theoretisch und ernst seien, was sicherlich auch ein Körnchen Wahrheit beinhaltet. Außenvorgelassen wird jedoch ein Element, das in fast jeder Wissenschaft zu finden ist: Leichtigkeit, das Spiel, der Spaß an und mit dem Medium.
Das erste Foto habe ich in der U-Bahnstation Mohrenstraße
geschossen. Über dem „o“ wurden zwei Umlautpunkte hinzugefügt, sodass das Wort
seine Bedeutung komplett verändert. Die „Mohrenstraße“ wurde also in die
„Möhrenstraße“ verwandelt. In der Linguistik bezeichnet man das als
„conflictive layering“, dass also die ursprüngliche Bedeutung
des Zeichens durch Wegkratzen, Überkleben, Hinzufügen usw. verändert wird.
Konkret in diesem Fall wird auf die Problematik des Wortes hingewiesen und dass
es inakzeptabel ist, eine U-Bahnstation (und Straße) nach einem so
rassistischen Wort zu benennen und bis heute nicht geändert zu haben. Durch das
Hinzufügen der Punkte wird also eine anti-rassistische Ideologie sichtbar, die
von Subkultur-Agent:innen bottom-up kommuniziert wird.
Übrigens, für die, die es noch nicht gehört haben: Nach jahrelangem Rechtsstreit wird die Mohrenstraße endlich am 23.08.2025 in die „Anton-Wilhelm-Amo-Straße“ umbenannt, die Umbenennung der U-Bahnstation folgt ebenfalls.
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| Bild 2: Schriftzug auf einem Auto in der Weydingerstraße |
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| Bild 3: Spiegel in einem Café der Freien Universität |
Das dritte und letzte Bild habe ich in einer Toilette des
GalileA-Cafés in der Freien Universität geschossen. Auf dem Spiegel steht
„Wahre Schönheit kommt von *innen“. Bei diesem Bild gibt es gleich mehrere Ebenen:
Zuerst ist es ein transgressives Zeichen, weil es ohne Genehmigung auf
den Spiegel geschrieben wurde. Ebenfalls wird hier mit einem Stereotyp
gespielt: an vielen Spiegeln oder Klokabinen stehen ähnliche Statements, wie
z.B. „Du bist schön, so wie du bist“, und vor allem durch die Platzierung auf
einem Spiegel soll vermittelt werden, dass das Spiegelbild schön oder
vollkommen okay ist. „Wahre Schönheit kommt von innen“ ist außerdem ein festes
Sprichwort im Deutschen, was durch das Hinzufügen des kleinen Gender-Sternchens
sofort eine neue Bedeutung (aus einer Subkultur bzw. politischer Bewegung)
kommt. Wahre Schönheit kommt laut dem Zeichen also nicht von innen, sondern vom
Gendern; es ist ein Statement und Appell zugleich: „Hey du, wenn du genderst
bist du schön, wenn nicht, dann fang mal lieber an“. Das Zeichen schafft auch
Zugehörigkeit für all diejenigen, die bereits gendern.
Obwohl hinter den drei Bildern unterschiedliche Diskurse und Ideologien stecken, haben sie einiges gemeinsam. Die wohl auffälligsten Gemeinsamkeiten, die oft im Zusammenhang mit Subkulturen stehen, sind die Arten der Zeichen: Alle drei haben einen transgressiven Status und bottom up Orientierung, d.h. sie wurden ohne Genehmigung hinzugefügt und könnten jederzeit von den jeweiligen Autoritäten (BVG-, MILES- oder Uni-Personal) entfernt werden. Letztendlich werden die Subkulturen, Diskurse oder Ideologien, die in Berlin existieren, durch die Zeichen sichtbar.



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