Sonntag, 27. Juli 2025

Die Sichtbarkeit von Subkulturen durch Sprachspiele

Was mich schon immer fasziniert hat und was ich sowohl in der Sprachwissenschaft als auch in der Literaturwissenschaft gerne erforsche, ist das Spielen mit Sprache. Oft werden beiden Disziplinen hinterhergerufen, dass sie trocken, theoretisch und ernst seien, was sicherlich auch ein Körnchen Wahrheit beinhaltet. Außenvorgelassen wird jedoch ein Element, das in fast jeder Wissenschaft zu finden ist: Leichtigkeit, das Spiel, der Spaß an und mit dem Medium.

Die drei Bilder, für die ich mich entschieden habe, sind alle in Berlin Juli 2025 entstanden. Die Idee dabei war, verschiedene Subkulturen, die durch Sprachspiele sichtbar gemacht werden, aufzuzeigen und zu analysieren; zu schauen, was mit der Modifizierung der originalen Schilder bzw. dem Hinzufügen neuer Zeichen ausgesagt wird.

Bild 1: U-Bahnschild in der U Mohrenstraße

Das erste Foto habe ich in der U-Bahnstation Mohrenstraße geschossen. Über dem „o“ wurden zwei Umlautpunkte hinzugefügt, sodass das Wort seine Bedeutung komplett verändert. Die „Mohrenstraße“ wurde also in die „Möhrenstraße“ verwandelt. In der Linguistik bezeichnet man das als „conflictive layering“, dass also die ursprüngliche Bedeutung des Zeichens durch Wegkratzen, Überkleben, Hinzufügen usw. verändert wird. Konkret in diesem Fall wird auf die Problematik des Wortes hingewiesen und dass es inakzeptabel ist, eine U-Bahnstation (und Straße) nach einem so rassistischen Wort zu benennen und bis heute nicht geändert zu haben. Durch das Hinzufügen der Punkte wird also eine anti-rassistische Ideologie sichtbar, die von Subkultur-Agent:innen bottom-up kommuniziert wird.

Übrigens, für die, die es noch nicht gehört haben: Nach jahrelangem Rechtsstreit wird die Mohrenstraße endlich am 23.08.2025 in die „Anton-Wilhelm-Amo-Straße“ umbenannt, die Umbenennung der U-Bahnstation folgt ebenfalls.

Bild 2: Schriftzug auf einem Auto in der Weydingerstraße

Das zweite Bild habe ich in der Weydingerstraße in Berlin Mitte geschossen, wobei die genaue Straße eigentlich weniger eine Rolle spielt. Es handelt sich um ein Auto der Car-Renting und -Sharing App MILES („Meilen“), bei dem ebenfalls ein conflictive Layering sichtbar ist: Dem „E“ wurde der unterste Balken entfernt und so zu einem „F“ transformiert. Diese Zeichenänderung sieht man überall in Berlin und in anderen Städten, in denen der Service angeboten wird. Für alle die, die es nicht kennen: „milf“ ist ein  aus der Pornoindustrie stammendes Akronym für „mother I’d like to fuck“ („Mutter, die ich gerne ficken würde“), und der Plural des Wortes ist eben „milfs“. Es bezieht sich auf eine Frau mittleren Alters, die attraktiv und begehrenswert ist. Der Begriff hat sich auch in der deutschen Jugendsprache und -kultur etabliert, und viele scheinen sich einen Spaß daraus zu machen, das Logo der Firma zu transformieren und MILFS-Autos durch die Stadt fahren zu lassen. Anders als beim ersten Beispiel ist hier zwar keine direkte politische Ideologie zu sehen, aber doch eine Subkultur, die unter anderem sexistische Züge aufweist (hier eine kurze Erklärung, warum der Begriff nicht ermächtigt, sondern sexualisiert). In jedem Fall werden hier in-group / out-group Dynamiken geschaffen (ähnlich wie bei Grafitti-Tags), in denen die, die das Zeichen erkennen, sich dadurch sofort zugehörig fühlen.

Bild 3: Spiegel in einem Café der Freien Universität

Das dritte und letzte Bild habe ich in einer Toilette des GalileA-Cafés in der Freien Universität geschossen. Auf dem Spiegel steht „Wahre Schönheit kommt von *innen“. Bei diesem Bild gibt es gleich mehrere Ebenen: Zuerst ist es ein transgressives Zeichen, weil es ohne Genehmigung auf den Spiegel geschrieben wurde. Ebenfalls wird hier mit einem Stereotyp gespielt: an vielen Spiegeln oder Klokabinen stehen ähnliche Statements, wie z.B. „Du bist schön, so wie du bist“, und vor allem durch die Platzierung auf einem Spiegel soll vermittelt werden, dass das Spiegelbild schön oder vollkommen okay ist. „Wahre Schönheit kommt von innen“ ist außerdem ein festes Sprichwort im Deutschen, was durch das Hinzufügen des kleinen Gender-Sternchens sofort eine neue Bedeutung (aus einer Subkultur bzw. politischer Bewegung) kommt. Wahre Schönheit kommt laut dem Zeichen also nicht von innen, sondern vom Gendern; es ist ein Statement und Appell zugleich: „Hey du, wenn du genderst bist du schön, wenn nicht, dann fang mal lieber an“. Das Zeichen schafft auch Zugehörigkeit für all diejenigen, die bereits gendern.

Obwohl hinter den drei Bildern unterschiedliche Diskurse und Ideologien stecken, haben sie einiges gemeinsam. Die wohl auffälligsten Gemeinsamkeiten, die oft im Zusammenhang mit Subkulturen stehen, sind die Arten der Zeichen: Alle drei haben einen transgressiven Status und bottom up Orientierung, d.h. sie wurden ohne Genehmigung hinzugefügt und könnten jederzeit von den jeweiligen Autoritäten (BVG-, MILES- oder Uni-Personal) entfernt werden. Letztendlich werden die Subkulturen, Diskurse oder Ideologien, die in Berlin existieren, durch die Zeichen sichtbar. 

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Ein Beitrag von Daphne Glinzig



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  Dieser Eintrag ist Teil eines Portfolioprojekts namens Mensch, Maschine und Sprache. Wenn ihr mehr darüber wissen wollt, schaut mal rechts...