Märchen voller Magie, Feen, Prinzessinnen und Verwandlungen – nahezu jedes Kind wächst mit ihnen auf. Welche Version man jedoch vorgelesen bekommt, unterscheidet sich häufig, früher noch stärker als heute. Besonders die französischen Märchentraditionen des 18. Jahrhunderts prägten die Entwicklung moderner Märchenerzählungen maßgeblich. Im Folgenden werden zwei zentrale Autor:innen dieser Zeit und die charakteristischen Merkmale der französischen Märchentradition vorgestellt.
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Der erste vorgestellte Autor ist Charles Perrault (1628–1707), geboren und gestorben in Paris. Als Sohn eines einflussreichen Beamten setzte er sich für die Erneuerung der französischen Literatur ein. Mit seinem Gedicht auf Ludwig XIV. (1687) löste er die Debatte aus, „ob die antike oder die moderne Literatur von höherem Wert sei“ (Neuhaus 2017, S.76). Berühmt wurde er durch seine Märchensammlung Histoires ou Contes du temps passé (1697), die das Genre in Frankreich und damit in ganz Europa popularisierte. Zu seinen bekanntesten Werken zählen Cendrillon ou La petite pantoufle de verre, La Belle au bois dormant, Le Maître chat ou le chat botté, Les Fées und Le Petit Chaperon rouge. Perraults Märchen, wie die meisten dieser Zeit, beruhen auf mündlichen Erzähltraditionen, die bereits seit Jahrhunderten existierten (Vgl. Messerli 2023, S. 47). Seine Texte sind daher als literarische Neubearbeitungen und Verschriftlichungen überlieferter Stoffe zu verstehen.¹
Die zweite bedeutende Autorin ist Jeanne-Marie LePrince de Beaumont (1711–1780). Sie wurde in Rouen geboren und starb in Avallon. Als Gouvernante unterrichtete sie junge Mädchen aus dem französischen Adel, zunächst in Frankreich, später – von 1750 bis 1762 – in London. Während ihrer pädagogischen Tätigkeit entwickelte sie kindgerechte Erzählungen (Vgl. Zipes 2015), die unter anderem 1756 in Le Magasin des Enfants ou Dialogues entre une sage gouvernante et plusieurs de ses élèves erschienen. Aus dieser Sammlung stammt ihr bekanntestes Werk La Belle et la Bête, das bis heute weltweit bekannt ist.
Feenmärchen existierten in mündlicher Form bereits seit den 1670er Jahren, ihre literarische Verschriftlichung und Neugestaltung fand jedoch vor allem zwischen 1690 und 1705 statt und markiert die Entstehung des Feenmärchens als eigenständiges Genre. Die Schriftstellerin Marie-Catherine d’Aulnoy leitete diese Entwicklung 1690 mit der Veröffentlichung von Histoire d’Hypolite, Comte de Duglas ein. Es folgte eine Veröffentlichung von 24 Märchen unter den Titeln Les Contes des Fées (1697) und Nouveaux Contes de Fées ou Les Fées à la mode (1698). Gemeinsam mit Perraults Märchensammlungen dienten ihre Werke später den Brüdern Grimm als wichtige Vorlage (Vgl. Messerli 2023, S.48). Neben d’Aulnoy und LePrince de Beaumont waren es vor allem weibliche Autorinnen, die Inspiration aus ihrer eigenen Kindheit und aus Erzählungen für Kinder schöpften. Sie standen unter dem Einfluss der höfischen Sprache und Kultur der literarischen Salons, was sich in den Märchen widerspiegelt. Das Märchen wurde zu einem Versuch, mythologische Traditionen durch das folkloristische Wunderbare der „Moderne“ zu ersetzen, und trug so zur Aufwertung des Fantastischen in der Literatur bei. Verfasst wurden diese Texte häufig nach den Mustern des höfisch-heroischen und des preziösen psychologischen Romans (Messerli 2023, S. 47). Mit der Französischen Revolution (1789–1799) verlor das Märchen als literarische Form zunehmend an Bedeutung.
In den französischen Märchen stehen häufig Königstöchter – also Prinzessinnen – im Mittelpunkt, die in Wohlstand aufwachsen und im Verlauf der Handlung durch Schicksal oder Konflikt einem Prinzen begegnen. Dabei stechen besonders weibliche Protagonistinnen durch ihre Schönheit, ihre Intelligenz und Liebenswürdigkeit hervor. Wie schon im Namen des Genres Feenmärchen deutlich wird, gehören Feen zu den zentralen Elementen dieser Erzählungen. Sie erklären das Wunderbare der erzählten Welt und sind der Grund für übernatürliche Phänomene wie Un- oder Sterblichkeit der Heldinnen und Helden. Dabei wird zwischen guten und bösen Feen unterschieden, deren Handlungen entweder von emotionalen Motiven (z. B. in La Belle au bois dormant) oder ethische Prinzipien (z. B. in Les Fées) geleitet sind. Feen sind zudem für Verwandlungen verantwortlich, die meist eine moralische Funktion erfüllen, wie etwa in La Belle et la Bête. Auch wenn die Verwandlung des Biests lediglich durch die Boshaftigkeit einer Fee erklärt wird, werden zuletzt die Schwestern der Schönen von einer weiteren Fee wegen ihrer eigenen Bosheit so lange in Statuen verwandelt, bis sie ihre Fehler eingesehen haben, während die Schöne als Königin am Schloss leben soll. Die Fee bestraft hier das Böse und belohnt das Gute. Häufig übernimmt die Fee auch die Rolle einer Patin (fairy godmother), wie in Cendrillon, und stehen der Königsfamilie besonders nahe. Ihre übernatürliche Macht erlaubt ihnen, den Verlauf der Geschichte zu beeinflussen und das Schicksal der Figuren vorauszusehen.
Ein damit einhergehendes Handlungsmotiv dieser Märchen ist eben diese Verwandlung, welche das wahre Ich der Held:innen zum Vorschein kommen lassen soll. Sie kann sowohl Belohnung als auch Bestrafung darstellen: Tugendhaftes Verhalten oder Schönheit – innere sowohl als äußere – werden durch die Verwandlung belohnt, während sie moralisches Fehlverhalten durch Offenbarung des wahren Charakters als Bestrafung widerspiegelt. Betroffen sind nicht nur Protagonistinnen und Protagonisten, wie das Tier in La Belle et la Bête, sondern auch Nebenfiguren und Antagonist:innen, wie die bösen Schwestern der Schönen. Besonders bei den Hauptfiguren wird eine anfängliche Bestrafung am Ende durch Rückverwandlung und gesellschaftliche Anerkennung, etwa in Form der Heirat mit einem Prinzen, aufgehoben. Ebendies geschieht in Leprince de Beaumonts La Belle et la Bête, aber auch in Perraults Cendrillon.
Die Erzählungen enden meist mit einer didaktischen, bürgerlichen und aufklärerischen Moral, die typisch für die französische Märchentradition ist. Während LePrince de Beaumont diese wegen ihrer beruflichen Tätigkeit pädagogisch gestaltet, findet sich bei Perrault häufig ein ironischer Unterton (Vgl. Stefan Neuhaus 2017, S. 81). Die Moral ist nicht immer unmittelbar erkennbar und wirkt aus heutiger Perspektive oft überholt. Perrault verteidigte seine Märchen gegen entsprechende Kritik im Vorwort seiner Sammlung Contes en vers, wo er erklärte, dass „Menschen von Geschmack“ erkannt hätten, dass diese „Nichtigkeiten“ in Wahrheit eine nützliche Moral enthalten und die heitere Erzählung lediglich dazu diene, diese auf angenehme Weise zu vermitteln. Märchen erscheinen so als literarische Hülle, die moralische Belehrung in unterhaltsamer Form präsentiert (Vgl. Neuhaus 2017, S.76f.).
Auffällig ist die Ungleichheit der Geschlechterdarstellungen. Männliche Figuren werden meist neutral oder heroisch charakterisiert, während weibliche Figuren zwischen Schönheit und Tugend einerseits sowie Hässlichkeit und Bosheit andererseits oszillieren.² So wird Dornröschen in La Belle au bois dormant zwar von den Feen zu ihrer Taufe mit Intelligenz und Schönheit beschert, muss aber von einem mutigen Prinzen aus ihrem hundertjährigen Schlaf befreit werden. Auch wenn sich diesem der Weg zum Schloss wie durch Magie offenbart, scheut er vor den Dornen nicht zurück und handelt wie der angekündigte Held. Zudem wird Fehlverhalten von Frauen strenger sanktioniert als das von Männern, und weibliche Figuren müssen größere Opfer bringen, um Anerkennung zu erlangen. Von ihnen werden Geduld, Liebenswürdigkeit und moralische Makellosigkeit erwartet. Betrachtet man jedoch den historischen Kontext und die intendierte Leserschaft – junge adlige Frauen des 18. Jahrhunderts – wird deutlich, dass die Märchen auch eine soziale Erziehungsfunktion erfüllten:
Sie sollten durch warnende und exemplarische Erzählungen zur Formung weiblicher Tugend beitragen (Vgl. Zipes 2015).
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¹ In der Populärkultur und auch im kulturellen Gedächtnis vermischen sich oft unterschiedliche Märchenversionen aus unterschiedlichen Traditionen. Es ist daher nötig, dass man die Texte miteinander vergleicht, um sich zu vergewissern, welche Handlungsdetails bei Perrault, und nicht bei den Gebrüdern Grimm vorkommen oder umgekehrt.
² Eine genauere Analyse hierzu am Beispiel von Perraults Märchen liegt vor in: Stefan Neuhaus (2017), S. 78f.
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Literatur
D‘Aulnoy, Marie-Catherine Le Jumelle de Barneville comtesse. Les fées à la mode, ou, Le noveau gentilhomme bourgeois. Amsterdam: Chareau & Du Villard, 1745.
D’Aulnoy, Marie-Catherine Le Jumelle de Barneville comtesse, Charles Perrault, und Jeanne Marie Leprince de Beaumont. Contes de fées / tirés de Claude Perrault, de d’Aulnoy et Le Prince de Beaumont. Paris: Hachette, 1908.
D’Aulnoy, Marie-Catherine Le Jumelle de Barneville comtesse, und René Godenne. Histoire d’Hypolite, Comte de Duglas / Marie-Catherine d’Aulnoy. Avec une préf. de René Godenne.Nachdr. d. Ausg. Paris 1690. Genève: Slatkine, 1979.
Leprince de Beaumont, Jeanne-Marie. Die Schöne und das Biest und andere französische Märchen. Köln: Anaconda Verlag, 2018. S. 6-18.
Leprince de Beaumont, Jeanne-Marie. Magasin des enfants ou dialogues entre une sage gouvernante et plusiers de ses élèves. Berlin: De Gruyter, 2022.
Perrault, Charles. Histoires ou Contes du temps passé. Paris: Claude Barbin, 1697. https://fr.wikisource.org/wiki/Histoires_ou_Contes_du_temps_passé_(1697)/Original/Texte_entier (zuletzt abgerufen am 01.12.2025)
Perrault, Charles. Cendrillon. Aschenputtel. Wien: EasyOriginal Verlag, 2022.
Perrault, Charles. Das Rotkäppchen. o.D. https://www.projekt-gutenberg.org/perrault/maerchen/chap009.html (zuletzt abgerufen am 01.12.2025)
Perrault, Charles. Der gestiefelte Kater oder Meister Kater. o.D. https://www.projekt-gutenberg.org/perrault/maerchen/chap007.html (zuletzt abgerufen am 01.12.2025)
Perrault, Charles. Die Fee. o.D. https://www.projekt-gutenberg.org/perrault/maerchen/chap006.html (zuletzt abgerufen am 01.12.2025)
Perrault, Charles. Dornröschen oder die schlafende Schöne. o.D. https://www.projekt-gutenberg.org/perrault/maerchen/chap004.html (zuletzt abgerufen am 01.12.2025)
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Messerli, Alfred. Vorläufer III. Die französischen Conte de(s) fées. In: Bluhm, L., Neuhaus, S. (eds) Handbuch Märchen. Berlin/Heidelberg: J.B.Metzler, 2023. S. 47–49. https://doi.org/10.1007/978-3-662-66803-0_8.
Neuhaus, Stefan. Charles Perrault. Die Märchen (1695/97). In: Märchen. Tübingen: A. Francke Verlag, 2017. S. 76–82.
Zipes, Jack. Leprince de Beaumont, Jeanne-Marie. In: The Oxford Companion to Fairy Tales. Oxford University Press, 2015.
oohhh soo spannend und schön geschrieben!! :D und so wichtig den Sexismus, die Doppelmoral und Rollenbilder zu erwähnen, die oft in Märchen vorkommen!
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